geborgen

„We go out on our own
It’s a big bad world outside
Carrying‘ our dreams and all that they mean
Trying to make it all worthwhile.“
(Kodaline, Big Bad World)

 

Wenn wir geboren werden, fallen wir auf diese Welt. Irgendwo, an einem nicht bekannten Ort erblicken wir ein Licht. Dieses Licht erklärt uns gar nichts. Es zeigt uns nichts. Es lässt uns nur sehen.
Dieser Ort ist unser Zuhause, einfach deshalb, weil es nichts anderes gibt.

Je länger wir im Leben sind, desto mehr wird uns erklärt.

Wir vergessen diesen Ort über all den Gedanken.

Und verbringen unser Leben in dem Versuch, ihn wiederzufinden.

Währenddessen denken wir unentwegt und hören anderen Gedanken zu.

So wird uns schließlich auch erklärt, was ein Zuhause ist. In Ratgebern, Gesprächen, Therapien und Musik.

 

Unser Zuhause ist dort, wo unsere Familie ist, sagt man,
und wir fragen uns welche Familie man meint.
Unser Zuhause ist dort, wo all die Dinge sind, die wir im Leben angesammelt haben, sagt man, und der Wert dieser Dinge erscheint uns fragwürdig.
Unser Zuhause ist dort, wo unser Lebenspartner ist, sagt man,
und wir hatten schon so viele Zuhauses.
Unser Zuhause liegt in uns selbst, sagt man,
und wir können über diese abstrakte Aussage nur traurig werden.

Vielleicht ist unser Zuhause auch dort, wo wir allein sein können? Dort, wo wir jeden Abend unser Bett betreten und morgens wieder verlassen. Wo das Kissen uns seit Jahren begleitet und so vertraut ist. Dort, wo uns die selbst gestaltete Ordnung eine gewisse Sicherheit gibt. In einem kleinen Raum, in einem kleinen Gebäude, in einer kleinen Straße, in einer kleinen Stadt. Dort?

 

Ist es das?

Oder ist es ganz anders?

 

Unser Zuhause ist dort, wo wir uns nicht allein fühlen, auch wenn die Musik und das Licht aus sind und unsere Gegenstände unsichtbar. Dort, wo wir nicht einfach schlafen, sondern friedlich schlafen. Wo wir schreiben, malen, spielen, idiotische Dinge tun oder uns anders ausdrücken können. Wo wir nicht mehr gelähmt und gehemmt sind.

Es ist nicht einfach dort, wo nachts unser Kopf liegt – sondern dort, wo unsere Ruhe liegt.

 

In einzelnen Gedanken, Gefühlen, Momenten und Begegnungen blitzt unser Zuhause auf. Fühlt sich kurz an wie das Licht vom Anfang.
Und dann ist es wieder in Gedankenbergen versunken.

Was soll der Mist?
Können wir diese Momente nicht….immer haben?
Stattdessen denken wir.

(„Es hilft nichts, solche Texte zu lesen.
Wir haben schon tausend Mal gehört,
dass alles in uns ist,
dass wir nur auf die „innere Stimme“ hören müssen
und so weiter.
Aber es klappt ja trotzdem nicht.
Also was will denn dieses Zuhause nun,
damit es endlich zu uns kommt?!“)

 

Unser Zuhause verlangt nichts, außer einer wichtigen Sache:
Eine Entscheidung.

Echte Entscheidungen gehören im 21. Jahrhundert zu den bedrohten Arten.
Sie wurden ersetzt durch das Wort „Entscheidung“.
So, wie viele echte Dinge durch Worte ersetzt wurden.
Wir sind doch alle so unsicher in unseren Gebäuden.

Entscheidungen treffen oder umgehen, das macht für Unsichere keinen Unterschied. Sie gehen einen Weg, merken dass er Hindernisse hat und gehen wieder zurück. Sie hinterlassen Spuren dort, manchmal auch Trümmer. Aber sie merken es nicht, denn sie haben schon die nächste Entscheidung getroffen.

Von außen sieht man, wie die Menschen glücklich in die Wege gehen und traurig wieder herauskommen. Manchmal sieht man auch, wie jemand nicht zurück kommt. Hat es ihm dort tatsächlich gefallen? Oder ist er nur an der nächsten Kreuzung?

 

Vergessen wir das alles. Diese ganzen
Metaphern,
Denkanstöße
und Mut-Mach-Parolen.
Zuhause ist Erinnern.
Erinnern an das, was wir eigentlich sind.

Nicht diese komplizierten Wesen,
denen man ständig was erklären muss

und die einem ständig was erklären.

Sondern einfach wir.
Meine Güte, so schwer ist das doch nicht.

 

Guten Abend, fremde Geborgenheit. Du fühlst dich komisch an. Ich habe dich so viele Jahre lang nicht gesehen. Und erst recht nicht gefühlt. Ich kenne dich nicht und das macht mir Angst. Weil ich nur ein Mensch bin, der in einer verunsicherten Zeit lebt und der bekannte Dinge mag und der sowieso schon überfordert ist und der doch immer so viel Angst hat.
Aber ich entscheide mich für dich.
Ja, das tue ich wirklich!
Das ist nicht nur ein Wort.

Und so verlasse ich nun ein Zuhause, das niemals wirklich meins war.
Machs gut, Gemäuer, angesammelter Gegenstand, Straße in der Stadt.
Machs gut, vergilbtes Kissen, belangloses Foto, unsortierter Karton.
Machs gut, oft benutzte Dusche, Fenster zum Hof, vertrautes Treppenhaus.
Machs gut, Erinnerung an tausende Tage, verstaubtes Mosaik.
Machs gut, Kühlschrank-Aufkleber, bunte Postkarte, letzte Notiz.
Machs gut, Suche nach dem Glück, willkürlicher Partner, Klingelschild.
Machs gut, unwirtlicher Ort.

Einen kleinen Teil von dir nehme ich mit, du wirst ihn nicht wiedersehen.
Und ein Teil von mir bleibt für immer hier.

Das ist meine Entscheidung.

 

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